Eine im März 2026 im Fachjournal The Journal of Sexual Medicine veröffentlichte Fallstudie beschreibt zwei Männer mit Postorgasmic Illness Syndrome (POIS), deren Beschwerden sich unter einer Behandlung mit dem Antidepressivum Sertralin deutlich besserten. Die Autoren sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass bei manchen Betroffenen Veränderungen im Serotonin-Stoffwechsel eine Rolle spielen könnten.
Was wurde untersucht?
Die niederländischen Autoren berichten über zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren, die bereits seit der Pubertät unter typischen POIS-Symptomen litten. Zu den Beschwerden gehörten unter anderem:
- starke Erschöpfung,
- grippeähnliches Krankheitsgefühl,
- Brain Fog und Konzentrationsstörungen,
- Muskelschmerzen,
- Stimmungseinbrüche sowie
- soziale Rückzugstendenzen.
Die Symptome traten jeweils kurz nach dem Orgasmus auf und hielten mehrere Tage an. Beide Patienten erfüllten die etablierten diagnostischen Kriterien für POIS.
Frühere Behandlungen ohne Erfolg
Beim ersten Patienten waren Antihistaminika (Desloratadin) und Diclofenac zuvor ohne Wirkung geblieben. Zusätzlich bestand eine soziale Angststörung. Daher wurde eine Behandlung mit Sertralin begonnen und schrittweise auf 150 mg täglich gesteigert. Nach drei Monaten berichtete der Patient über eine anhaltende und deutliche Verbesserung sowohl der Angststörung als auch der POIS-Symptome.
Der zweite Patient litt zusätzlich unter vorzeitiger Ejakulation. Auch hier wurde Sertralin eingesetzt, zunächst mit 25 mg täglich und später bis auf 100 mg gesteigert. Bereits nach einem Monat kam es zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden. Nach Angaben der Autoren blieb der positive Effekt über einen Zeitraum von drei Jahren erhalten.
Wie könnte Sertralin wirken?
Sertralin gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die Autoren vermuten, dass das Medikament verschiedene Mechanismen beeinflussen könnte:
- die Regulation des Serotonin- und Dopaminsystems,
- die Stressantwort des Körpers,
- neuroendokrine Prozesse nach dem Orgasmus,
- sowie möglicherweise entzündliche Vorgänge.
Dabei betonen die Autoren ausdrücklich, dass unterschiedliche POIS-Formen vermutlich auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen. Sertralin dürfte daher nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen wirksam sein.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Studie liefert keine Beweise dafür, dass Sertralin grundsätzlich eine wirksame Behandlung von POIS ist. Es handelt sich lediglich um zwei Einzelfälle, aus denen sich keine allgemeinen Empfehlungen ableiten lassen. Dennoch fügen sich die Beobachtungen in frühere Berichte ein, nach denen einzelne SSRI – darunter Sertralin – bei manchen Patienten zu einer Besserung führen können.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass größere und kontrollierte Studien notwendig sind, um besser zu verstehen, welche Patientengruppen möglicherweise von einer solchen Behandlung profitieren könnten.
Einordnung durch POIS-Deutschland
Viele Betroffene berichten über sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Antidepressiva. Während einige Patienten von einer deutlichen Linderung ihrer Symptome berichten, zeigen andere keinerlei Wirkung oder vertragen die Medikamente schlecht. Die neue Veröffentlichung unterstreicht einmal mehr, dass POIS wahrscheinlich keine einheitliche Erkrankung ist, sondern verschiedene biologische Mechanismen beteiligt sein könnten.
Sertralin stellt daher keine Standardtherapie für POIS dar. Die Fallstudie liefert jedoch einen weiteren Hinweis darauf, dass serotonerge Mechanismen bei einem Teil der Betroffenen eine Rolle spielen könnten.
Quelle: