POIS-Diagnose
Post-Orgasmic-Illness-Syndrom Diagnose

Diagnose des Post‑Orgasmic Illness Syndroms (POIS)
Das Post‑Orgasmic Illness Syndrom (POIS) ist eine seltene Erkrankung, bei der Betroffene nach dem Samenerguss über Stunden bis Tage körperliche, kognitive und psychische Symptome erleben.
Die Diagnose ist herausfordernd – es existieren keine eindeutigen Blutmarker, die Erkrankung ist wenig bekannt und wird daher häufig übersehen. In diesem Artikel erfährst du alles über die aktuellen Diagnostik‑Kriterien, wie die Diagnose gestellt werden kann und welche Rolle die Symptome und Symptomeinsätze spielen.
Diagnostische Kriterien nach Waldinger
Die klassische POIS‑Diagnose basiert auf fünf Kriterien, die erstmals durch Marcel D. Waldinger in den frühen 2000er Jahren definiert wurden. Basierend auf einer Studie mit 45 Männern gelten folgende Voraussetzungen1 2
1. Symptome : Grippe, Erschöpfung, Brainfog, Depression
Eines oder mehrere der folgenden Symptome treten auf: Empfinden eines grippeähnlicher Zustands, extreme Müdigkeit und Erschöpfung, schwache Muskulatur, Fieber und starkes Schwitzen, Stimmungsschwankungen und leichte Reizbarkeit, Gedächtnisschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme, unzusammenhängende Sprache, verstopfte oder laufende Nase, brennende Augen.
2. Eintreten: Unverzüglich
Alle Symptome treten innerhalb weniger Sekunden, nach wenigen Minuten oder innerhalb weniger Stunden nach einer Ejakulation auf, die durch Geschlechstsverkehr, Masturbation oder spontan (z.B. nächtlichen Samenerguss) ausgelöst wurde.
3. Häufigkeit: Fast immer
Die Symptome treten immer oder fast immer auf, d.h. nach 90% oder mehr aller Ejakulationen.
4. Dauer: 2-7 Tage
Die meisten Symptome dauern circa zwei bis sieben Tage.
5. Genesung: Blitzheilung
Die Symptome verschwinden spontan.
Wenn alle fünf Kriterien erfüllt sind, liegt eine klassische POIS-Diagnose nahe. Studien zeigen jedoch, dass viele Betroffene nicht alle Anforderungen exakt erfüllen, wodurch die Diagnose komplexer wird.
Erweiterte Diagnostik: Symptome jenseits von “Grippe”
Neuere Fallstudien, etwa von Rosetti et al. (2023), erweitern die klassischen Kriterien um zusätzliche Beschwerden:
- Hunger, Kälteempfindlichkeit, geschwollene Lymphknoten
- Gedächtnisstörungen, Stimmungslabilität, Angststörungen
- Korrelation mit Umweltallergien oder psychiatrischen Begleiterkrankungen (Depressionen, Angststörungen)
In Ihrer Untersuchung von sechs Männern fanden Rosetti et al. außerdem Hinweise auf die Entwicklung von Symptomen allein durch sexuelle Erregung. Dagegen fanden sie in den Blutwerten keine Hinweise auf eine allergische Reaktion.
Das bedeutet, selbst wenn nicht jeder Betroffene klassische Grippesymptome zeigt, kann die Diagnose gestellt werden, wenn mehrere dieser erweiterten Symptome konsistent nach jedem Orgasmus auftreten.
Diagnostischer Prozess: Anamnese, Tests & Klinik
Eine strukturierte medizinische Diagnostik umfasst:
1. Anamnese und Symptomtagebuch
- Ein detaillierter Verlauf, inkl. Symptomdauer, Intensität, Zusammenhänge mit Sexualaktivität und Wiederkehr, bildet die Basis.
- Fragebögen und Tagebuchaufzeichnung helfen bei der Mustererkennung.
2. Körperliche Untersuchung & Laborwerte
- Bluttests zur Kontrolle von Hormonprofilen (Testosteron etc.), Entzündungs- oder Allergiewerten (z. B. IgE).
- Zusatzuntersuchungen wie Hauttests mit eigenem Samenergussfluid können sinnvoll sein – in Einzelfällen wurde so POIS “nachgewiesen”.
3. Ausschlussdiagnosen
- Prostatitis, hormonelle Störungen, neurologische Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden.
- Nur so lässt sich eine gezielte Diagnose POIS stellen.
4. Fachärztliche Zusammenarbeit
- Idealerweise erfolgt die Diagnose durch ein Team aus Urologen, Endokrinologen, Allergologen und Psychologen.
- Multidisziplinarität ist zentral, da POIS körperlich wie seelisch komplex wirkt.
Diagnosedauer & Häufigkeit oft unterschätzt
- POIS kann bereits in der Pubertät mit der ersten Ejakulation auftreten (primär) oder sich erst später im Erwachsenenalter entwickeln (sekundär).
- Untersuchungen zeigen, dass die Diagnose oft Jahre dauert, weil Ärzte die Symptome als psychisch einordnen oder gar nicht erkennen.
Fazit: So gelingt eine fundierte POIS-Diagnose
- Symptomatik prüfen: Allgemeine + erweiterte Beschwerden nach Orgasmus.
- Zeitliche Muster dokumentieren: Häufigkeit, Onset, Dauer.
- Bluttests & Allergie-Screening: Hormonelle und immunologische Analysen.
- Expertennetzwerk nutzen: Urologie, Immunologie, Psychologie.
- Ausschluss anderer Ursachen: z. B. Prostatitis oder neurologische Störungen.
Nur durch sorgfältige Diagnostik lässt sich POIS erkennen – als erste Basis für gezielte Behandlung und Lebensqualität. Wenn du nach dem Orgasmus regelmäßig Symptome erlebst, könnte POIS vorliegen.
Über unsere Plattform findest du Informationen, Unterstützung und Austausch mit Gleichbetroffenen.
Kontakt: kontakt@pois-deutschland.de
Erweiterte Diagnostische Kriterien nach Rosetti et al.
In der folgenden Tabelle findet Ihr eine Übersicht der von Rosetti et al. identifizierten erweiterten Diagnosemarker und Komoborditäten bei sechs Patienten:

Drei von sechs Patienten hatten eine Vorgeschichte von Depressionen oder Angstzuständen. Vier Patienten litten unter Umweltallergien, was im Einklang mit den Ergebnissen anderer Studien steht. Kein Patient berichtete von ähnlichen Symptomen in der Familie. Bei allen Patienten traten die Symptome unmittelbar nach jeder Ejakulation auf, sei es nächtlicher Samenerguss oder sexuelle Stimulation durch sich selbst oder durch den Partner. Bei zwei Männern der Stichprobe dauerten die Symptome länger als sieben Tage.
Die am häufigsten vorkommenden Symptomcluster in der Patientengruppe waren Kopf-, Allgemein- und Muskelsymptome, was laut den Autoren mit den Befunden in größeren Stichproben übereinstimme. Alle Patienten berichteten über extreme Müdigkeit nach der Ejakulation, und fünf von sechs Patienten berichteten über Muskelschwäche. Drei von sechs beschrieben in früheren Studien nicht genannte Symptome wie erhöhten Hunger, Kälteunverträglichkeit, vergrößerte Lymphknoten und Gedächtnisstörungen.
Weiter zu den POIS-Behandlungsansätzen
- Waldinger, M. D., & Schweitzer, D. H. (2002). Postorgasmic Illness Syndrome: Two Cases. Journal of Sex & Marital Therapy, 28(3), 251–255. ↩︎
- Marcel D. Waldinger, Marcus M.H.M. Meinardi, Aeilko H. Zwinderman, Dave H. Schweitzer, Postorgasmic Illness Syndrome (POIS) in 45 Dutch Caucasian Males: Clinical Characteristics and Evidence for an Immunogenic Pathogenesis (Part 1), The Journal of Sexual Medicine, Volume 8, Issue 4, April 2011, Pages 1164–1170. ↩︎
- ebd. ↩︎